Im Velotalk: Das trojanische Pferd
posted by Alec
Musik erobert Stadt: Das Trojanische Pferd, Berliner/Wiener-Band-Melange, plaudert mit uns in der aktuellen, brandneuen Nummer (auch) übers Radeln. Und: stellt die sieben Lieder vom legendären Konzert am 13.2.2010 im Großen Sendesaal des ORF-Radiokulturhauses gratis zum Download zur Verfügung! Lest hier weiter über Schwammerlsuchen, Liedideen und breitere Straßen in Berlin, und holt euch diesen Trojaner auf den Rechner.
Exklusiv bei uns auf velosophie.eu – in der Originalversion sind die Songs auf dem Debutalbum “Das Trojanische Pferd” enthalten. Download hier: Das trojanische Pferd live @ RKH (60MB).
Brücken zwischen Wien und Berlin zu schlagen, das hat Vergangenheit und Gegenwart. Will an der grundlegenden Richtung dieses eleganten Heftchens festgehalten werden, wäre die „Distanzfahrt“ Wien-Berlin anno 1893 als Beispiel anzuführen: ein Radrennen nonstop mit einer damaligen Siegerzeit von knapp über 31 Stunden. Über die Neuauflage eines solchen Rennens ließe sich gut plaudern, aber das ist eine andere Geschichte …
Die eigentliche handelt von einer gegenwärtigen musikalischen Brücke zwischen den Städten: Hubert Weinheimer kommt aus einem kleinen Ort in Oberösterreich nahe Gmunden, Hans Wagner aus Berlin, beide leben nun in Wien, wo sie sich bei einer Vorlesung an der ehrenwerten Universität für Musik und darstellende Kunst kennen gelernt haben. Hans studiert deshalb in Wien, weil er in Berlin der Ausbildung für nicht würdig befunden wurde (haben wohl nicht richtig hingehört, Pech für Berlin). In Wien zu leben, zu studieren (Hubert: Soziologie) und von hier aus musikalisch zu wirken, das ist für beide ein rundes Lied – im Gegensatz zu „Kein rundes Lied“, wie einer der Titel auf ihrem ersten Album, gleichnamig Das Trojanische Pferd, heißt.
Mit dem Fahrrad sei er allerdings viel lieber in Berlin unterwegs gewesen, merkt Hans an, „weil da alles viel breiter ist, die Straßen, die Gehsteige, und die Leute gegenüber Rad Fahrenden viel toleranter sind als in Wien“. Sowohl Hans als auch Hubert sind leidenschaftliche Zu-Fuß-Geher und freuen sich über jedes Auto weniger auf den Straßen, was als ideologische Schnittmenge mit der Mehr-Raum-fürs-Radfahren-Bewegung gelten darf. Hubert verbindet übrigens die eine Leidenschaft mit einer anderen, dem Schwammerlsuchen. Auf Anhieb kann er zehn genießbare Pilzsorten, die alleine in Wien und unmittelbar um Wien herum zu finden sind, aufzählen, und Hans wirft lachend in Huberts Schwammerl-Monolog ein, „er kann dir auch genau erklären, warum diese Pilze ihre Namen tragen“. Wer also aus einem Fahrradmagazin einen Tipp fürs Schwammerlsuchen ziehen möchte – Hubert: „Von Röhrenpilzen kann man sich nicht tödlich vergiften.“
2007 haben sich die Trojaner gefunden, 2009 erschien ihr erstes Album, das von der lokalen Musikkritik in lichte Sphären gehoben wurde – für die Rotzigkeit der Texte, für Huberts sprachliche Exaktheit und Gewalt, für Hans geniale Arrangements, in die er, nach Gelegenheit und Bedarf, auch Streicher, Bläser und Chor einbindet, und die hohe Eigenständigkeit des Ganzen. Ein vortrefflicher Kommentar von Ernst Molden, Wiener Liedermacher und Schriftsteller: „Zwischen Punk, Kammermusik und hoher Poesiekunst spannen die Trojaner ein Zirkuszelt auf, das uns Kleingeistern groß erscheint wie der Weltraum. Es gibt hier grad keine Band, von der man sich willenloser um den Finger wickeln lässt.“
Die Texte sind auf Deutsch. Huberts Vortrag weist eine hohe Kompatibilität mit dem gesamten deutschen Sprachraum auf und bewegt sich zwischen dem jungen André Heller und Dirk von Lowtzow, Sänger und Gitarrist von Tocotronic, ohne sich irgendwo anzulehnen. Hans kleidet Huberts Texte („ich komme mit Akkorden, Textbausteinen und Ideen, und der Hans arrangiert dann“) mal in freizügige, mal in hochgeschlossene, mal in bunt schillernde und mal in tiefschwarze Klangkostüme. Hubert Weinheimer: „Obwohl wir uns gern – so wie jetzt: sitzen in unserem Lieblingslokal, trinken ein Bier und reden – dazu hinreißen lassen, unsere Musik zu theoretisieren, entstehen die meisten Texte und Liedideen relativ spontan. Wenn beispielsweise jemand sagt: ‚damit ich mir meinen aufwendigen Lebensstil leisten kann‘, dann hab ich damit schon einen fertigen Textbaustein. So war das in dem Fall (Anm.: das Lied heißt ,Lebensstil‘) auch wirklich. Meist fallen mir diese Kernsätze, wie zum Beispiel ,ich hab alle Zeit der Welt, aber keine Geduld‘ (Anm.: ,Wien brennt‘) in Bezug auf alltägliche Situationen ein, und dann bau ich das restliche Lied einfach drum rum.“ Am zweiten Album wird übrigens gerade gearbeitet, es soll im Spätsommer erscheinen.
Hans vermag die Vielseitigkeit des Cellos und dessen Harmonie mit der Gesang in ein aufregend betörendes Ganzes zu verdichten, und dazu braucht es gar nicht mehr als Huberts Gitarre (akustische oder E-) und Stimme, die von Schwermut über Aufbegehren bis hin zu abgehobener Euphorie ein breites Spektrum emotionaler Befindlichkeiten mitteilt – und dich am Nacken grapscht, sodass dir Schauer über den Rücken laufen. Guter Sex, wenn man’s auf diese Ebene bringen mag. Freilich aber lassen sich die beiden auch gerne musikalisch unterstützen, von Schlagzeuger Clemens Wannemacher, der mittlerweile einen Stammplatz einnimmt, oder von spannenden Kollegen der Wiener Szene, wie an jenem großen Abend im Sendesaal des ORF-Radiokulturhauses, als diese Unterstützung von Paper Bird, Sir Tralala sowie der Bang Ginga (im Chor), zudem einem vierköpfigen Bläsersatz und zwei zusätzlichen Streicherinnen kam.
Hubert zu den Inhalten der Texte: „Das Trojanische Pferd ist keine politische Band, aber eine subversive Band. Wir versuchen uns an den Grundfesten der Gesellschaft abzuarbeiten, ohne daraus konkrete Schlüsse zu ziehen. Wahrscheinlich geht es da um eine Art von Sensibilisierung in Bezug auf die statische Situation, also die Tragfähigkeit von Alltag im Allgemeinen: Grenzen, Definitionen …“
Nach ihrem ersten Auftritt in Berlin zierte tags darauf eine Liedzeile eine Hauswand: „Was nützt der Weltraum ohne
Romy Schneider?“. Man ahnt schon: Das Trojanische Pferd hat in der neuzeitlichen Version zwar das Hölzerne abgelegt, aber nichts an Schlagkraft eingebüßt. Frei nach einer Zeile aus einem Song von Leonard Cohen: „First we take Vienna, then we take Berlin.“
Gesprächsnotizen: Wolfgang Rafetseder

